Leseprobe – Siddham in Ritualen der Heilung

Siddham in Ritualen der Heilung

Die Siddham in der japanischen Kunst in Ritualen der Heilung ist das neueste von Dr. Mark Hosak veröffentlichte Buch. Gleichzeitig ist es seine Dissertation, die durchaus für eine Leserschaft weit über den universitären Bereich von Interesse ist.

An wen richtet sich das das neue Buch über Buddhistische Heilkunst?

  • Buddhismus Interessierte
  • Praktizierende des Buddhismus
  • Reiki-Praktizierende, die ein Interesse an den Ursprüngen dieser Heilmethode haben
  • Psychologen, Therapeuten und Coaches, die Meditation in ihrer Praxis nutzen
  • Menschen, die sich mit Sterbebegleitung und Trauerbewältigung beschäftigen

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Leseprobe

Einleitung

Siddhaṃ sind die Zeichen aus den indischen Brahmi-Schriften. Das ist die Schrift des Sanskrits. Einzelne Siddhaṃ nennt man in Japan Keimsilben shuji 種子 oder indische Zeichen bonji 梵字. Die Transliteration ins Japanische des Sanskrit-Wortes Siddhaṃ ist shittan 悉曇.

Der Esoterische Buddhismus entwickelte sich gegen Mitte des 7. Jahrhunderts in Indien und wurde bald darauf nach China überliefert. In seinen Lehren liegt einer der Schwerpunkte auf der Anwendung der Siddhaṃ in Ritualen als magische Keim- oder Bannsilben bei der Anrufung von Heilsgestalten des esoterischen Pantheons.[1] Die in China residierenden indischen Mönche beschäftigten sich zum Propagieren der esoterischen Lehren mit Übersetzungen der Sūtras.

Zwischen 630 und 894 wurden Delegierte von Japan nach China zum Studium der Kultur entsandt. Darunter gab es auch Mönche, die in den Klöstern den Buddhismus studierten und bei ihrer Rückkehr Schriften, Ritualgegenstände, Gemälde und Skulpturen nach Japan brachten. Auf diesem Wege und durch Reisen chinesischer und indischer Mönche nach Japan wurden die Siddhaṃ überliefert.

Seit der offiziellen Einführung des Esoterischen Buddhismus nach Japan, als die Mönche Kûkai 空海 (774-835) und Saichô 最澄 (767-822) 805 und 806 von ihrem Studium in China zurückkehrten, konnte sich die Lehre der Siddhaṃ in Ritualen und Meditationen etablieren. In den folgenden Jahrzehnten brachten weitere Mönche von ihren Reisen nach China zahlreiche Dokumente über die Siddhaṃ nach Japan, die dann seit Beginn des 10. Jahrhunderts ausgiebig studiert und kopiert wurden. Ab dem 11. Jahrhundert wird ein Einfluss der Siddhaṃ auf die japanische Kunst über das schriftliche Material hinaus erkennbar.

In der vorliegenden Arbeit soll die Entwicklungsgeschichte der Siddhaṃ in der japanischen Kunst in Ritualen der Heilung erörtert werden. In erster Linie geht es dabei um das Siddhaṃ A, weil dieses im Rahmen der kontemplativen Meditation des Siddhaṃ A namens Ajikan 阿字觀 die grundlegende Praxis im Esoterischen Buddhismus zur Erlangung der Buddhaschaft im Körper der gegenwärtigen Inkarnation darstellt. Wird das A durch andere Siddhaṃ in der kontemplativen Meditation ausgetauscht, ergeben sich Variationen der Ajikan, die in Meditationen und in Ritualen Verwendung finden.

Dabei soll geprüft werden, ob und inwieweit das Siddhaṃ A und weitere Siddhaṃ in der Kunst auftreten und eine Funktion in Ritualen der Heilung haben. Die Grundlage dafür bildet die Übersetzung des japanischen Textes Ajikan des Mönches Kakuban 覚鑁 (1095-1143), in dem die kontemplative Meditation mit dem Siddhaṃ A ausgiebig in Theorie und Praxis besprochen wird. Im Text wird de facto das Thema der Heilung angesprochen, wobei sich hier die Frage stellt, was mit Heilung eigentlich gemeint ist, da die heutige Definition von Heilung von der damaligen abweichen kann. Von daher lässt sich nicht genau feststellen, ob die Sichtweise dessen, was Heilung damals bedeutete nach heutigen Maßstäben interpretiert werden kann. Heilung beschreibt schulmedizinisch den Prozess von zum Beispiel einer physischen oder psychischen Erkrankung oder einer Verletzung durch das Verschwinden der Symptomatik ohne bleibende Schäden zu der Wiederherstellung der Gesundheit und des ursprünglichen Zustandes.[2]

In dem Text Ajikan wird die Heilung von physischen Krankheiten nur am Rande als eine Möglichkeit der Anwendungsvariation der Meditation Ajikan erwähnt. Der Begriff der Heilung wird im Text Ajikan mit taiji 対治 bezeichnet. Das steht für die Heilung und Reinigung von den Illusionen im Herzen wie etwa Trübsal.[3] Im Text Ajikan steht taiji im Zusammenhang mit den Vorteilen der Heilung der drei Gifte sandoku taiji no kôyô 三毒対治ノ功用 von Gier, Hass und Verblendung im eigenen Herzen. Ohne den Begriff der Heilung taiji zu wiederholen handelt der Text von der Reinigung und Heilung des Herzens – nicht das organische Herz, sondern das Herz im Sinne von Geist, mit Hilfe der Praxis der Ajikan. Von daher könnte der Verdacht aufkommen, dass es sich entweder um einen Vorläufer der Psychotherapie oder der Geistheilung handeln könnte. Das ist allerdings unwahrscheinlich, weil dabei eine Person eine andere Person behandelt, während man bei der Praxis Ajikanhöchstens von einer Form der Selbstbehandlung im Rahmen einer kontemplativen Meditation sprechen kann.

Im Text Ajikan werden verschiedene Vorgehensweisen der Ajikan und die Bedeutung und die Funktion des Siddhaṃ A vor dem philosophischen Hintergrund für die Heilung des Herzens beschrieben. Insofern scheint es sich weder in der Art der Behandlung noch in der Definition von Heilung um medizinische Kriterien zu handeln. Die einzige Parallele scheint darin zu finden zu sein, dass es bei Heilung um die Entwicklung von einem leidvollen Zustand in einen leidfreien Zustand geht. Allerdings beschreibt die Heilung im Esoterischen Buddhismus der Shingon-Schule die stetige Entwicklung des Herzens der Erleuchtung. Das ist im Gegensatz zu der Heilung einer diagnostizierten Krankheit ein lebenslanger Prozess der Entwicklung, wobei davon ausgegangen wird, dass in erster Linie das unvergängliche Herz geheilt wird, während der physische Körper vergänglich ist.

Über den Text Ajikan hinaus findet der Begriff der Heilung in den Beschreibungen der Siddhaṃ auf Artefakten in Ausstellungskatalogen und in der theoretischen Literatur über Meditationen und Rituale der Heilung Verwendung. Dabei wird der Heilungsbegriff taiji 対治 aus dem Text Ajikan je nach Wirkung in Ritualen auf unterschiedliche Weise beschrieben und definiert. Dazu gehören insbesondere die Begriffe der Heilung und Prävention von Krankheiten sokusai 息災, des Exorzismus chôbuku 調伏 und mehrere Arten von Beschwörungen und des Gesundbetens kaji 加持, die in den entsprechenden Kapiteln über die Heilung im Buddhismus und über die Siddhaṃ in der der japanischen Kunst und über die Meditationen und Rituale der Heilung mit den Siddhaṃ unter Einbeziehung weiterer Übersetzungsvarianten erörtert werden. Die Schnittstelle zwischen Religion und Medizin, wie im Sūtra Dainichi-kyô beschrieben, wird im Kapitel über die historische Anthropologie der Heilung im Buddhismus erörtert.

Neben der Thematik der Heilung hat es den Anschein, als würde Kakuban bestimmte Personengruppen seiner Zeit ansprechen, um ihnen offenbar eine Botschaft über die Verbindung zwischen dem durch die Ajikan anzustrebenden Herz der Erleuchtung und der Wiedergeburt im Reinen Land des Amida zu überbringen.

Eine der grundlegenden Ansätze des Esoterischen Buddhismus liegt unter anderem darin, dass der Keim zur Erlangung der Buddhaschaft dem Herzen innewohnt und lediglich erweckt werden braucht. Das ist eine Orientierung auf das Diesseits, die dem Amida-Glauben mit dem Fokus auf das Jenseits zunächst widerspricht. Kakuban vereint diese beiden Ansätze durch einen Synkretismus beider Lehren. Kakuban übernahm die Praxis des Nenbutsu 念佛des Amida-Buddhismus und die Lehre der Tendai-Schule in die Shingon-Schule. Außerdem setzte er sich für die Wiederbelebung der in Vergessenheit geratenen Shingon-Rituale shingon gihô 真言儀法 der frühen Heian-Periode (794-1185) ein.

Die einfache Vorstellung der Erlangung des Herzens der Erleuchtung wird oft durch komplexe Rituale des Esoterischen Buddhismus übersehen. Die grundlegende Praxis zur Erlangung der Buddhaschaft im Körper dieser Inkarnation ist seit Kûkai 空海 (774-835) die kontemplative Meditation des Siddhaṃ A Ajikan.

Die oben beschriebenen Zusammenhänge sollen einerseits über die Analyse und Deutung des Textes Ajikan und über Kakubans Biografie seine Beweggründe für diesen Inhalt erläutern.

In diesem Zusammenhang und als Überleitung zu den Siddhaṃ in der Geschichte der japanischen Kunst in Ritualen der Heilung sollen zum Beitragen des besseren Verständnisses die religionsgeschichtlich-politischen Hintergründe beleuchtet werden. Dabei geht es um die Geschichte der Siddhaṃ und ihrer Überlieferung nach Japan. Von da an wird die Geschichte der Siddhaṃ in der Shingon-Schule, in der Tendai-Schule und im Amida-Buddhismus einzeln erklärt, um dann schließlich die Unterschiede und Parallelen der Schulen herauszuarbeiten.

Aus diesem Verständnis folgt das Kapitel über die Siddhaṃ in der Geschichte der japanischen Kunst. Dabei werden die Gattungen der Kunstgeschichte, insbesondere die Architektur, Skulptur und Malerei untersucht, inwieweit die Siddhaṃ dort eine Rolle für Rituale der Heilung spielen oder ob sie Träger anderer ritueller oder dekorativer Funktionen sind. Auch soll geklärt werden, wann man ein Ritual als Ritual der Heilung bezeichnen kann. Sollte es unterschiedliche Typen von Objekten mit Siddhaṃ geben, die für Rituale der Heilung benutzt werden, ist zu schauen, ob es sich dabei um gleiche oder verschiedene Siddhaṃ handelt und ob der Objekt-Typ etwas mit dem des Rituals zu tun hat. Sollten sich die Siddhaṃ wiederholen, kann das ein Hinweis auf spezifische Rituale mit genau diesen Siddhaṃ sein. Sollten diese nur auf einem Typ auftauchen, wäre herauszufinden, ob der Typ ein unerlässlicher Bestandteil des Rituals ist. Somit werden bei der Untersuchung der Rituale in den Gattungen und Typen der Kunst mehrere Herangehensweisen und Fragestellungen genutzt. Zunächst einmal wird die Funktion des Typs einer Gattung angeschaut. Mit welcher Funktion, an welchem Ort und in welchem Rahmen wird der jeweilige Typ verwendet? Für den Fall, dass die entsprechende Verwendung in Ritualen nur mit Siddhaṃ durchführbar sein sollte, würde das bedeuten, dass die Funktion des Typs und der Siddhaṃ für die Wirkung des Rituals relevant sind. Jeder andere Fall könnte eine Variation oder eine Abstufung bedeuten.

Aus kunsthistorischer Sicht ist dabei mit zu bedenken, ob die Rituale und Typen in einen Kontext zur religiösen, historischen oder politischen Situation einer Epoche stehen und welche Gründe es geben könnte, dass einige Ritual- und Objekt-Typen zu einem bestimmten Zeitpunkt auftauchen.

In den Architekturformen ist das in der japanischen Kunst wohl am häufigsten auftretende Siddhaṃ das Hrīḥ des Amida 阿弥陀 auf Pagoden und Stelen, welches zumeist für Totenrituale benutzt wurde. Im Gegensatz zu der Erlangung der Buddhaschaft in der gegenwärtigen Inkarnation liegt bei den Totenritualen der Fokus auf dem Jenseits. Tauchen andere Siddhaṃ auf den gleichen Objekt-Typen auf, besteht die Möglichkeit für auf das Diesseits bezogene rituelle Zwecke. Das könnte dann heißen, dass das Objekt als Träger der Siddhaṃ nicht unbedingt Funktionsträger der Rituale ist.

In der Gattung der Skulptur werden die Siddhaṃ entweder auf der Mandorla oder in Skulpturen als Beigaben oder an die Innenwand gemalt dargestellt. Die Siddhaṃ auf Gemälden und in Architekturformen werden einzeln, in Konfigurationen und in Mandalas gemalt. Bei allen weiteren Typen handelt es sich um gemischte Gattungen wie etwa in Sūtras, Tabernakeln und Ritualgeräten. Eine Besonderheit stellt die Funktion der Siddhaṃ auf Schwertern dar. In jeder Gattung gibt es eine Reihe von Funktionen mit teils ähnlichen und teils unterschiedlichen Ritualen. Eine Interkonnektion der kunsthistorischen Typen in die Aufteilung in mehrere Entwicklungsphasen unter Erhellung ihrer Zusammenhänge schliesst das Kapitel über die Siddhaṃ in der Geschichte der Kunst ab.

Im letzten Teil der Arbeit geht es um Meditationen, Rituale und Heilung mit den Siddhaṃ, die nicht zwingend einen Bezug zu kunsthistorischen Gattungen und Typen aufweisen müssen. Das hängt insbesondere damit zusammen, dass die Siddhaṃ im Rahmen von Ritualen visualisiert und dafür nicht visuell dargestellt werden brauchen. Sehr wohl scheint es einige Rituale mit dem A und weiteren Siddhaṃ unter der Einbeziehung kontemplativer Meditationen zu geben, die über Kakubans Text Ajikan hinausgehen. Daran lässt sich erkennen, inwieweit die Praxis der Rituale die Kunst beeinflusst hat und es lassen sich weitere Funktionen der Siddhaṃ in der Kunst zuordnen.

Bei der Bearbeitung des Themas hatte es zunächst den Anschein, dass es verhältnismäßig wenig Forschungsergebnisse zu den Siddhaṃ in der japanischen Kunst gibt, weil sie meistens nur in Ausstellungs-Katalogen nebenbei Erwähnung finden. Durch die Beschäftigung mit dem Text Ajikan, der Bedeutung der einzelnen Siddhaṃ, ihrer Funktion und Anwendung in Ritualen zeigten sich bald einige Ergebnisse in der Forschungsgeschichte der Siddhaṃ.

Diese Arbeit stützt sich insbesondere auf die Ausführungen von Kitao, Veere, Zysk, Wayman, Tajima und Kodama über die Siddhaṃ und den Mönch Kakuban. In erster Linie sei hier Kitao erwähnt, der seinen Fokus der Forschung überwiegend dem Siddhaṃ A in der Ajikan widmet. Sein Schwerpunkt liegt dabei nicht auf den Zusammenhängen der Siddhaṃ in der Kunst, sondern auf Meditationen des Esoterischen Buddhismus mit Analysen der Texte über die Ajikan von Kakuban. Bei einer Recherche in der Bibliothek der Chizan-ha 智山派, einem Zweig der Shingi shingon-shû 新義真言宗 nach Kakuban hat Kitao den vorliegenden Text Ajikan entdeckt, der in den gesammelten Werken über Kakuban im Kôgyô daishi zenshû 興行大師全集 nicht verzeichnet ist. Vergleiche mit Kopien, die in den Tempeln Jimyô-in 持明院und Kanjuji 勧修寺 niedergeschrieben wurden und in der Bibliothek der Universität Kôya aufbewahrt werden, sollen die Echtheit dieses Textes belegen.[4]

Veere ist einer der ersten, die sich in einer westlichen Sprache mit Kakubans Lehren, Leben und Texten intensiv auseinander gesetzt haben. Seine Arbeit beinhaltet Kakubans Biografie und eine Diskussion über Kakubans Lehren in seinen Texten Gorin kuji myô himitsu shaku 五輪九字明秘密釈 über die geheimen Erklärungen der fünf Elemente (Cakras) und neun Zeichen und Amida hishaku 阿弥陀秘釈 über die geheimen Erklärungen des Amida. Dabei hat Veere herausgefunden, dass es offenbar Kakubans Ziel war, den Synkretismus der Shingon-Schule und des Amida-Buddhismus in der Praxis aus der Sicht der Shingon-Lehre vor dem Hintergrund der Siddhaṃ zu erklären. In den oben genannten Texten geht es wie bei der Ajikan um die Bedeutung und Funktion der Siddhaṃ in Ritualen für die Erlangung des Herzens der Erleuchtung und der Wiedergeburt im Reinen Land des Amida. Dabei werden im Gorin kuji myô himitsu shaku auch Rituale der Heilung von Organen vorgestellt, deren Aufbau mit denen der Fünf-Elemente-Pagoden gorintô 五輪塔 vergleichbar ist.[5]

Zysk thematisiert den Begriff der Heilung im Buddhismus. Dabei verfolgt er mehrere Ansätze durch die Ergründung der historischen Anthropologie der magisch-religiösen und medizinischen Zusammenhänge von Indien bis nach China anhand der Sūtras, Praktiken und der gegenseitigen Beeinflussung der indischen und chinesischen Lehren in Medizin und Heilung.[6]

Wayman und Tajima vertreten in ihrer Studie des Sūtras Dainichi-kyô den Standpunkt, dass der anonyme Autor höchstwahrscheinlich ein zum Buddhismus konvertierter Brahmane war, der die buddhistische Form des Feuerrituals Goma-hô 護摩法 verbreitete, welches mit der Überlieferung des Buddhismus und der Siddhaṃ auf die Rituale der Heilung einen nachhaltigen Einfluss ausübte.[7]

Kodama hat in seinem Bonji hikkei 梵字必携 etliche detaillierte Informationen über die Geschichte der Siddhaṃ in Japan zusammengetragen, welche die Siddhaṃ, Rituale der Heilung und Kunst beschreiben. Dabei wurde mit der Erforschung der Siddhaṃ seit der Einführung des Buddhismus nach Japan begonnen, anstelle die Einführung der Siddhaṃ mit der Einführung des Esoterischen Buddhismus durch Kûkai und Saichô, wie sonst üblich, gleichzustellen. Diese Inhalte und die sich daraus ergebenden Möglichkeiten der Vergleiche zu kunsthistorischen Objekten mit Siddhaṃ sind für die vorliegende Arbeit von großer Bedeutung.[8]

In der Forschungsgeschichte der Siddhaṃ gibt es darüber hinaus einige grundlegende Enzyklopädien zu den Siddhaṃ, in denen jeweils die Geschichte der Siddhaṃ, die nach Japan überlieferten Dokumente und jedes einzelne Siddhaṃ von seiner Bedeutung und Funktion veranschaulicht wird. Auch wenn der Aufbau ähnlich ist, ergänzen und unterscheiden sie sich inhaltlich.

So gibt es im Bonji taikan 梵字大鑑 einen Schwerpunkt der Siddhaṃ auf Meditationen, Rituale und ihrer Erscheinung auf Stelen, Ritualgeräten und Tempel-Glocken. Was die Ajikan betrifft, werden Variationen dieser mit anderen Siddhaṃ und weiteren Funktionen vorgestellt. Dabei wird darauf eingegangen, wann und in welcher Reihenfolge bei einem Ritual ein Siddhaṃ, die das Siddhaṃ repräsentierende Heilsgestalt oder ein Symbol in Form eines Gegenstandes visualisiert werden soll. Das bedeutet, dass es hier um Erweiterungen der Kontemplation in Meditationen für Rituale geht. Für Rituale mit mehreren Siddhaṃ werden Anleitungen für die Reihenfolge der zu visualisierenden Siddhaṃ vorgegeben.[9] Folglich sind diese Ausführungen für die Klärung des Zusammenhangs zwischen Meditation und Ritual in möglichen Darstellungen in der Kunst nützlich. Im Kapitel über die Rituale wird erklärt, dass die Siddhaṃ weit über die Funktion symbolischer Buchstaben hinausgehen, indem sie als heilige Symbole der Heilsgestalten von zum Beispiel Buddhas oder Bodhisattvas bezeichnet werden. Genau aus diesem Grunde sollen sie für die Rituale aller Schulen des Esoterischen Buddhismus von höchster Signifikanz sein. Dabei wird zwischen zwei Arten von Ritualen mit Siddhaṃ unterschieden: Erstens, Rituale für Verstorbene, bei denen für die Auflösung karmischer Verstrickungen metsuzai 滅罪 und das Einladen eines glücklichen Schicksals tsuifuku 追福 gebetet wird. Zweitens, Rituale der Wunscherfüllung, mit denen für die Heilung von Krankheiten und Fernhalten von unglücklichen Situationen gebetet wird kaji kitô 加持祈祷.[10] Diese rituellen Aspekte sollen im Verlaufe der Arbeit aus mehreren Gesichtspunkten betrachtet und auf Zusammenhänge mit den Siddhaṃ in der japanischen Kunst in Ritualen der Heilung analysiert werden.

Im Bonji jiten 梵字事典 werden die Siddhaṃ insbesondere in ihrer Wirkung bei Ritualen in Mantras mit einzelnen Heilsgestalten und in Konfigurationen erläutert. Kunsthistorische Objekte spielen dort nur insofern eine Rolle, wie sie sich in die Entwicklungsgeschichte der Siddhaṃ in Japan eingliedern lassen.[11]

Zusammenfassend lässt sich über die Forschungsgeschichte der Siddhaṃ sagen, dass die Schwerpunkte auf der Geschichte der Siddhaṃ in Japan in schriftlichen Aufzeichnungen und Überlieferungen, der Schriften und der Lehre des Mönches Kakuban liegen und dass eher vereinzelt über die Funktion der Siddhaṃ in Ritualen gesprochen wird. Die kunsthistorischen Objekte scheinen dabei eine nebensächliche Rolle zu spielen. In der vorliegenden Arbeit sollen erstens die Bereiche der Geschichte, der Lehre, der Funktion und die Verwendung der Siddhaṃ in der japanischen Kunst zusammengeführt werden und zweitens soll ein möglicher Zusammenhang zu den Ritualen der Heilung in der japanischen Kunst geprüft werden. Dabei soll die Zeit zwischen dem 11. und dem 14. Jahrhundert im Mittelpunkt stehen. Der Vollständigkeit wegen wird über die Entwicklung der Siddhaṃ in der Geschichte der japanischen Kunst seit der Einführung des Buddhismus bis in das 10. Jahrhundert ein Überblick gestellt. Zum einen ist bis dahin die Überlieferung der Siddhaṃ nach Japan vollendet und zum anderen scheint ab dem 11. Jahrhundert eine Steigerung des Einflusses der Siddhaṃ auf die japanische Kunst stattgefunden zu haben. Da es ab dem Ende des 14. Jahrhunderts bis zum Beginn der Edo-Periode (1603-1868) zu keinerlei bahnbrechenden Weiterentwicklungen kommt und um den Rahmen nicht zu sprengen, soll die Arbeit mit dem Ende des 14. Jahrhunderts zur Vollendung gebracht werden.

Das Ziel in dieser Arbeit ist es herauszufinden, ob die Siddhaṃ in Ritualen der Heilung bis zum 14. Jahrhundert benutzt wurden und welchen Einfluss dies auf die japanische Kunst hat. In anderen Worten bedeutet das, dass zunächst einmal festgestellt werden muss, ob es dazu stichhaltige Quellen gibt. Der erste Schritt bestand darin, einen aussagekräftigen Text über die Philosophie, Meditation, Wirkung und Heilung mit den Siddhaṃ zu finden. Die vorliegende Übersetzung des Textes Ajikan ist ein Beispiel dafür. Der Text ist aufgrund seiner Verschachtelungen schwierig und komplex. Dafür bietet er ausreichend Informationen über die Entwicklung, Bedeutung und Funktion des Siddhaṃ A für die Heilung in der kontemplativen Meditation, die, wie es sich herausstellte, die Grundlage für jedwede rituelle Praxis mit den Siddhaṃ bildet. Somit stehen die Kontemplation der Siddhaṃ und Rituale dicht beieinander.

Durch das zielführende Sichten des kunsthistorischen Materials sollen mögliche Verbindungen und Bezüge zwischen dem Text Ajikan und dem Einfluss auf die Kunst herausgefunden werden. In dem Kapitel über die Siddhaṃ in der Geschichte der japanischen Kunst werden alle Gattungen vorgestellt, die Siddhaṃ aufweisen. Deswegen liegt es nicht im Interesse des Autors nur die Objekte für Rituale der Heilung mit den Siddhaṃ vorzustellen, sondern einen Überblick über die Objekte mit Siddhaṃ und Variationen der Rituale zu schaffen. Daraus lässt sich dann erkennen, welchen Stellenwert die Siddhaṃ in Ritualen allgemein und in Ritualen der Heilung innehaben.

Weiter oben wurde beschrieben, dass das Siddhaṃ Hrīḥ auf Pagoden und Stelen für Totenrituale häufig anzutreffen ist. Dadurch könnte der Anschein erweckt werden, dass die Siddhaṃ weitgehend für diesen Zweck benutzt wurden. Das lässt sich mithilfe des Quellenmaterials weiterer Objekte und aufgrund der Tatsache widerlegen, dass Pagoden und Stelen wegen ihres Materials aus Stein eine unvergänglichere Natur aufweisen, als andere Objekte, die außerdem oft in anderen Objekten versteckt werden, wie etwa die Beigaben in einer Skulptur zônai nônyûhin 像内納入品.

Bei allen fünf großen Kapiteln der Arbeit schwebt die Frage im Vordergrund, ob Indizien für die Siddhaṃ in Ritualen der Heilung vorliegen und ob sich eine solche Information auf die japanische Kunst übertragen lässt, so dass man eventuell erahnen kann, in welchem Bereich der nächste Schritt der Recherche möglich ist. Das heisst, dass alle Themen der Kapitel miteinander in Verbindung stehen und dass die Inhalte aufeinander aufbauen.

Ein Beispiel dafür ist die Frage, ob die Siddhaṃ einen Einfluss auf den Amida-Glauben ausüben und wenn ja, um was für einen Einfluss es sich konkret handelt. Davon ausgehend, dass sich der Amida-Glaube aus dem Esoterischen Buddhismus durch über die Jahrhunderte stetige Vereinfachung der Anwendung entwickelt hatte, ist es verständlich, dass das Siddhaṃ Hrīḥ des Amida für Totenrituale auf Pagoden und Stelen eingemeißelt wird. Allerdings finden sich auf Gemälden des Amida Aufschriften mit dem Siddhaṃ A die in ihrer Art an die Ajikan erinnern, so dass ein Einfluss von Kakubans Synkretismus in der japanischen Kunst ersichtlich ist. Solchen Fragen und wie man diese Vorkommnisse in Verbindung mit der Heilung bringen kann, sollen hier aufgeschlüsselt werden.

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