Die Siddham Ritualschrift

Siddham – eine alt-indische Ritualschrift

Die Siddham-Schrift sind Schriftzeichen aus dem altindischen Sanskrit. Man kann sagen, dass sie die Schrift des Sanskrit ist und dass Sanskrit die Grammatik und Sprache darstellt.

Siddham im Buddhismus

Siddham Hrih des Shingon ReikiAls die buddhistische Lehre (Sanskrit: Dharma) in Sanskrit als heilige Texte (Sanskrit: Sûtras) niedergeschrieben wurde, verwendete man die Siddham-Schrift als Alphabet. Darüber hinaus wird der Form und dem Klang einzelner Siddham ein heiliger und symbolischer Sinngehalt zugeschrieben. In diesem Fall spricht man von Keimsilben (Sanskrit: Bîjas). Mehrere Bîjas bilden ein Mantra, als wirkungskräftig geltender Spruch, zur Rezitation in RitualenIn Dhâranîs, die eine ähnliche Funktion wie die Mantras haben, aber gleichzeitig auch inhaltlich einen Sinn aufweisen, werden sie als Alphabet und Bîjas gemeinsam verwendet. Bei der Übersetzung der Sûtras ins Chinesische sind die mit den Ritualen im Zusammenhang stehenden Siddham bzw. Bîjas nicht in chinesische Schriftzeichen kanji 漢字 transkribiert worden, weil sie in ihrer Form und Aussprache erhalten bleiben müssen, damit sie in Ritualen und Meditationen eine Wirkung aufweisen können.

Siddham und Reiki

Siddham Säule für Rituale der Heilung

Siddham Säule Creative Commons Lizenzvertrag

In der Heilkunst des traditionellen Usui Reiki werden Symbole zur erweiterten Anwendung von Reiki benutzt. Das Symbol zur Mentalheilung geht auf das Siddham Hrih zurück. Im Shingon Reiki krönt das Hrih das Logo und spielt eine zentrale Rolle in der Geistheilung, der Purifikation, dem Weg der Erleuchtung und in der buddhistischen Sterbebegleitung.

Entwicklung der Siddham-Geschichte

Zur Siddham-Geschichte gibt es mehrere Auslegungen von Forschern. Siddham sind die Zeichen des Sanskrit in einer alten Form, die sich aus den indischen Brahmi-Schriften entwickelt hat. Zwischen dem 3. Jahrtausend vor Chr. und dem 8. Jahrhundert sollen mehrere hundert Brahmi-Schriften entstanden sein. Wegen ihrer Ähnlichkeit wird auch davon ausgegangen, dass die Siddham-Geschichte möglicherweise auf die aramäischen Schriften zurückzuführen sei.

Aus den Siddham hat sich dann die Schrift Devanagiri entwickelt, mit der heute Sanskrit geschrieben wird. Einzelne Siddhaṃ nennt man in Japan Keimsilben shuji 種子 oder indische Zeichen bonji 梵字. Die Transliteration ins Japanische des Sanskrit-Wortes Siddhaṃ ist shittan 悉曇.

Der Siddham Begriff ist dadurch entstanden, dass eine Fibel zum Erlernen dieser Schrift, den Namen Siddham trug und dann im Laufe der Zeit zum Namen der Schrift wurde. Siddham bedeutet: Möge es perfekt sein, Perfektion, Vollendung.

Im Rahmen der Schrift des Sanskrit sind es einfach nur Zeichen zum Schreiben der Sprache Sanskrit, so wie das Alphabet im Westen, wobei den einzelnen Zeichen genauso wie im Alphabet, keine weitere Bedeutung zukommt. Eine Bedeutung entsteht erst dann, wenn mehrere Zeichen zu einem Wort aneinander gereiht werden. Darauf bezieht sich wohl die Siddham-Geschichte der Schrift für eine Sprache.

Siddham Keimsilben

Die Siddham als Keimsilben sind ursprünglich zwar die gleichen Siddham-Zeichen, haben aber jedes für sich eine tiefere Bedeutung. In einigen Schriftsystemen der Welt, wie bei den Siddham oder chinesischen Zeichen, wurden diese ursprünglich nicht zum Schreiben einer Sprache benutzt, sondern als heilige Symbole in Ritualen. Folglich haben sich die Siddham erst später zu einer Schrift einer Sprache entwickelt.

Die Siddham werden Keimsilben genannt, weil in ihnen der Keim oder die Essenz einer Kraft schlummert, die mittels Meditationen und Ritualen geweckt werden kann. Ursprünglich stammen sie aus den Veden der brahmanischen Religion. Später wurden sie vom Hinduismus und Tantrischen Buddhismus übernommen. Im Hinduismus werden sie heutzutage insbesondere in Bali und in einen Praktiken des Yoga verwendet. Im Esoterischen Buddhismus, auch tantrischer Buddhismus genannt, sind sie ein essentieller Bestandteil in Meditationen und Ritualen der Heilung sowie Erweckung des Herzens der Erleuchtung auf dem Weg der Buddhaschaft. Sie können für Rituale Lebender, Verstorbener und für weitere Zwecke verwendet werden.

Tantrischer Buddhismus – Buddhismus in Japan

Der Tantrische Buddhismus entwickelte sich gegen Mitte des 7. Jahrhunderts in Indien. Zwar gab es ihn schon vorher, jedoch wurde er erst in dieser Zeit niedergeschrieben. Von da an dauerte es nicht lange, bis ihn einige indische Mönche aus der buddhistischen Universität in Nalanda nach China überlieferten. Dort wurden die indischen Sutras dann auch ins Chinesische übersetzt.

Von China aus reisten ab dem 8. Jahrhundert indische und chinesische Mönche nach Japan, um zu lehren und es kamen auch japanische Mönche nach China, um von den dort ansässigen Mönchen zu lernen. Auf diesem Wege gelangten zahlreiche Dokumente, Skulpturen und Ritualgeräte nach Japan. Da in China verschiedene Strömungen Fuß fassten, konnten Japaner diese unverfälscht aus erster Hand lernen. Dies wurde intensiv bis in das Jahr 894 praktiziert.

Japan ist ein Land, in welches über die Jahrhunderte immer wieder kulturelle und spirituelle Güter eingeführt und integriert wurden. Zudem gehört Japan zu den wenigen Orten weltweit, wo Spirituelles bis heute auf traditionelle Weise und japanisierte praktiziert wird, ohne dass diese Inhalte durch neuere Einflüsse verdrängt wurden. Insofern konnte dort die Magie der Siddham über die Zeit überleben.

In den Lehren des Tantrischen Buddhismus liegt der Schwerpunkt der Siddham auf der Anwendung̣ in Ritualen, als magische Keimsilben und Bannsilben, die für die Anrufung von Heilsgestalten  und zur Erweckung von Kräften genutzt werden.

Artefakte

Im Laufe der Jahrhunderte kam es in der japanischen Siddham-Geschichte zur vermehrten Darstellung der Siddham in der japanischen Kunst. Zu der Malerei, Skulptur, Architektur, Ritualgeräte und sogar Schwerter gehören. Dabei ist das wohl am häufigsten auftretende Siddhaṃ, das Hriḥ des Amida 阿弥陀 auf Pagoden und Stelen, welches in der Regel für Totenrituale benutzt wurde. Diese Artefakte konnten im Gegensatz zu Papier und Holz die Zeit einfacher überdauern.

Ohne diesen Zusammenhang zu beachten, wird vielseitig angenommen, dass das Siddham Hriḥ ausschließlich mit Totenritualen zu tun hat. Dem ist jedoch bei genauerer Betrachtung und Einlassen auf die Lehren des Tantrischen Buddhismus nicht so. Es gibt sowohl Rituale für Lebende, als auch für Verstorbene.

Das hängt damit zusammen, dass jeder Heilsgestalt, wie etwa Buddhas und Bodhisattvas, je ein Siddham zugeordnet ist. Dem entgegen ist es aber möglich, dass ein Siddham auf mehrere Heilsgestalten angewandt wird. Somit ist der Buddha Amida für das Jenseits zuständig, während andere Heilsgestalten für das Diesseits und Jenseits auftreten.

Die Erforschung der Siddham

Bei den Siddham handelt es sich um ein wenig erforschtes Gebiet. Einerseits werden sie zum Beispiel in Japan, im Rahmen des tantrischen Buddhismus, häufig in Ritualen und Meditationen verwendet. Andererseits bekommt man sie selten zu Gesicht, weil ihre Anwendung eher als geheim eingestuft wird. Fragt man Mönche in Japan nach den Siddham und ihrer Anwendung, erhält man teils diffuse Antworten. Manche Mönche tun so, als würden sie darüber nichts wissen, weil sie ihr Wissen nicht preisgeben wollen. Andere hingegen wissen wenig, da sie noch nicht so weit ausgebildet sind und nur einige wenige sind bereit, konstruktiv darüber zu sprechen. Auffällig ist in japanischen Tempeln und Buchhandlungen, dass es einiges an Souvenirs und Bücher zu den Siddham gibt. Vor einigen Jahren existierte sogar ein Siddham Boom, was Mode und Design anbelangt.

Siddham in der japanischen Kunst

Was die japanische Kunst betrifft, so tauchen die Siddham insbesondere seit dem 11. Jahrhundert in allen Gattungen der Kunst auf. Ein bisher kaum erforschtes Gebiet.

Was ihre Erforschung betrifft, lag der Trend bisher vornehmlich auf der Analyse der stilistischen und ikonographischen Entwickelung einzelner Gattungen, weniger jedoch auf der Funktion und Anwendung in Ritualen und Meditationen. Von daher sieht Dr. Mark Hosak, dass es an der Zeit ist, den Fokus der Forschung auf die Funktion der Siddham auf Kunstobjekten in Ritualen und Meditation zu lenken. Zum Thema Die Siddham in der japanischen Kunst in Ritualen der Heilung hat Mark Hosak Dissertation geschrieben.

Mit der Ausbreitung des Buddhismus kamen die Siddham nach Japan. Bisher wurde angenommen, dass die Siddham zu Beginn des neunten Jahrhunderts mit den Geheimlehren mikkyô 密教 des tantrischen Buddhismus nach Japan eingeführt wurden. Bei der Erörterung der Geschichte der Siddham stellte Dr. Mark Hosak fest, dass die Siddham  schon erheblich früher nach Japan gekommen sind. Das wirft die Frage auf, ob es sich bei den Siddham tatsächlich nur um ein Phänomen des Tantrischen Buddhismus oder etwa um eine schulenübergreifende Erscheinung handelt.

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieses Werk von Dr. Mark Hosak ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.

2 Kommentare zu “Die Siddham Ritualschrift

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